Wenn Holz strickbar wird
Jährlich fallen weltweit 50 bis 70 Millionen Tonnen Lignin an. Das Nebenprodukt der Holz- und Papierindustrie – bekannt als „Klebstoff der Natur“ – wird bislang fast vollständig verbrannt. Jetzt zeigt das Stuttgarter Designbüro spek Design, wie es sich als nachhaltiges Textilmaterial nutzen lässt. Gemeinsam mit den Deutschen Instituten für Textil- und Faserforschung Denkendorf (DITF) sowie den Firmen Tecnaro und Buck entstand das kompostierbare und mikroplastikfreie „FormLig – Gestricktes Holz“. Es lässt sich auf Strickmaschinen zu flachen oder schlauchförmigen Gestricken verarbeiten, die anschließend erhitzt, in Form gebracht und fixiert werden. „FormLig ist ein weltweit einzigartiger Werkstoff, dessen Einsatzmöglichkeiten noch ganz am Anfang stehen“, sagt Patrick Sauter, Geschäftsführer bei spek Design, das auch Designprojekte für Mercedes-Benz umsetzt. Mögliche Anwendungen reichen von Verpackungen und Möbeln bis hin zu Forst- und Gartenbau, etwa als kompostierbarer Baumwuchsschutz.
Eine Fassade, die mitdenkt und Energie spart
Laut Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) gehen rund 34 Prozent der globalen CO2-Emissionen auf den Bau und Betrieb von Gebäuden zurück. Doch wie lässt sich der Energieverbrauch im Alltag senken? Das zeigt das Institut für Textil- und Fasertechnologien (ITFT) der Universität Stuttgart mit „FlectoLine“. Die flexible Fassade lässt sich in Echtzeit je nach Sonnenstand, Tageslicht und Temperatur ausrichten, um die Energieeffizienz von Gebäuden aktiv zu erhöhen. Die „mitdenkende“ Fassade senkt die Innentemperatur im Sommer um bis zu 8 °C und reguliert das Raumklima – ohne zusätzliche Heizung oder Kühlung. Gesteuert wird das System mit KI anhand von Wetterdaten. Integrierte Photovoltaik-Elemente erzeugen zudem Strom. Auf der Techtextil ist ein über zwei Meter hohes Modell der FlectoLine-Fassade zu sehen. „Textilien spielen bei der Verschattung und der flexiblen Anpassung von Gebäuden an Klimabedingungen eine immer größere Rolle“, sagt Matthias Ridder, wissenschaftlicher Mitarbeiter am ITFT.[1]
Bio-Interieur fürs Auto: Holz, das sich wie Textil verhält
Holz ist starr – oder war es. Das Karlsruher Unternehmen NUO verbindet die Ästhetik von Holz mit der Flexibilität von Textilien. Die „Holztextilien“ sind bereits im Interieur von Automarken wie Fiat und Renault im Einsatz. Gemeinsam mit den Deutschen Instituten für Textil- und Faserforschung Denkendorf (DITF) entwickelte NUO erstmals biobasierte Holztextilien, die die strengen Nachhaltigkeitsvorgaben der Automobilindustrie erfüllen. Dabei werden Furniere aus nachhaltiger Forstwirtschaft, etwa Nussbaum oder Eiche, mit einem Naturfasergewebe aus Hanf verbunden. Die Flexibilität entsteht durch eine spezielle Laserbearbeitung. „Die Kombination aus Textilforschung und Holzpraxis zeigt, dass ökologische Materialien längst mehr sind als ein Nischenprodukt“, sagt Rolf Loose-Leonhardt, Geschäftsführer von NUO und der Mutterfirma Schorn & Groh, deren Holzfurniere Apple-Stores und die Elbphilharmonie in Hamburg zieren. NUO FlexHolz ist marktreif und könnte neben Türverkleidungen und Konsolen im Automobilinterieur auch im Möbel- und Innenausbau zum Einsatz kommen.
Hintergrund Techtextil Innovation Awards
Die Innovation Awards zeichnen alle zwei Jahre herausragende Entwicklungen entlang der textilen Wertschöpfungskette aus. Die Auszeichnung gilt als wichtiger Indikator für Zukunftstrends der Branche und wird 2026 zum 18. Mal verliehen. Internationale Expert*innen aus Forschung und Industrie wählen die Preisträger. Die Preisverleihung findet am 21. April in Halle 9.1 auf der Techtextil in Frankfurt statt. Die ausgezeichneten Exponate sind bis einschließlich 24. April 2026 in Halle 11.1 erlebbar.
Über die Techtextil 2026
Die Techtextil ist die weltweit führende Plattform für textilbasierte Innovationen und findet zeitgleich mit der Texprocess vom 21. bis 24. April 2026 in Frankfurt statt. Gemeinsam heißen sie 1.700 Aussteller aus 54 Ländern willkommen, darunter Vorreiter aus Industrie und Forschung. Beide Messen zeigen aktuelle Entwicklungen entlang der textilen Wertschöpfungskette für zahlreiche Anwendungsbereiche – von Bau und Architektur über Bekleidung bis zu Medizin.